Vietnam Zippos

Kriegsreporter hatten berichtet, wie so ein Benzinfeuerzeug aus der Fabrik von George Grant Blaisdell in Bradford, Pennsylvania, in einer Brusttasche sogar einem Soldaten das Leben gerettet hatte, als eine feindliche Kugel daran abprallte.

Spätestens da wohl hatte der mythische Ruhm des Zippos begonnen. Als Glücksbringer und Talisman betrachteten viele US-Soldaten in Vietnam ihr Feuerzeug. Abergläubisch trugen sie es in der Brusttasche. Und sie hatten es zu etwas Einzigartigem gemacht: Verziert mit Wappen und Emblemen, witzigen Sprüchen und bitteren Nachrichten wie „Wenn du meine Leiche findest. Fuck you!“, Bibelzitaten und pornografischen Abbildungen. Oder mit Comic-Motiven. Wie Sergeant Dennis E. Ulstad.

Die Peanuts waren besonders beliebt: Charlie Brown, Linus‘ ältere Schwester Lucy oder Snoopy, der Hund. Letzterer lag meist auf seiner Hütte und schleuderte dem imaginären Feind in einer Sprechblase seine Verwünschungen entgegen: „FUCK YOU RED BARON!!“ – eine Anspielung auf den Roten Baron Manfred von Richthofen, den legendären deutschen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Mit den Peanuts-Comics, 1950 erstmals erschienen, waren viele Soldaten aufgewachsen. Einen Cartoonstreifen gab es auch in jeder Ausgabe der Armeezeitschrift „Stars and Stripes“. Mit den Zippos trugen die jungen Amerikaner ihre kleinen Alltagshelden bei sich.

Manchmal allerdings ging ein Zippo auch verloren. Manchmal wurde eines gestohlen. Oder weggeworfen. Dann kaufte man sich ein neues: für 1,80 Dollar in einem der Armee-Shops. An Straßenständen konnte man es von Vietnamesen gravieren lassen. Fast jeder hatte eines. Selbst dann, wenn er gar kein Raucher war. Der Flammenspender galt als nützliches Utensil, das viele schon aus ihrer Pfadfinderzeit kannten.

Mit Pfadfinder-Romantik allerdings hatte der Einsatz im Dschungel wenig zu tun. Große Aufmerksamkeit zog das Zippo in Vietnam erstmals auf sich, als der amerikanische Fernsehsender CBS am 5. August 1966 eine Reportage seines Korrespondenten Morley Safer brachte. Safer hatte einen Trupp US-Marines in ein Dorf begleitet und mitangesehen, wie die Soldaten mit ihren Zippos Hütten in Brand setzten. Es war eine der berüchtigten Search-and-Destroy-Missionen gewesen, mit denen die USA Vietcong aufspüren und deren Existenzgrundlage zu vernichten suchten.

Nachdem das Pentagon vergeblich versucht hatte, den Bericht zu stoppen, rief ein wütender US-Präsident Lyndon B. Johnson beim Chef des Senders an und blaffte ins Telefon: „Frank, hier ist Ihr Präsident, und gestern haben Ihre Jungs auf die amerikanische Flagge geschissen!“

Zippo als tödliche Waffe

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg waren US-Soldaten in den Medien nicht als Befreier, sondern als Zerstörer dargestellt worden. Und das Zippo hatte eine unrühmliche Hauptrolle dabei gespielt. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben: „Zippo mission“ gehörte bald zum Soldaten-Slang. Der Markenname wurde zum Synonym für Flammenwerfer oder gleichbedeutend mit dem Verb „abfackeln“ benutzt.

Ende Januar 1968 hatte die kriegsentscheidende Tet-Offensive des Vietcong der amerikanischen Öffentlichkeit vor Augen geführt, mit welchem Ausmaß an vietnamesischen Untergrundaktivitäten sie es zu tun hatten. In der Folge brannten Bodentruppen alles nieder, was auch nur den Anschein erweckte, ein Partisanen-Versteck zu sein.

Im Jahr der Präsidentschaftswahl erreichten das amerikanische Fernsehpublikum Bilder von verstümmelten GIs, zerstörten Dörfern und entlaubten Wäldern. Die Stimmung in der Bevölkerung kippte und spiegelte sich auch auf der verchromten Oberfläche der Soldaten-Zippos wider: Immer häufiger waren darauf Protest-Statements, Antikriegsparolen und Friedenszeichen zu finden.

Im gleichen Jahr begannen in Paris die Waffenstillstandsgespräche zwischen den USA und Nordvietnam. Johnsons Nachfolger Richard Nixon sah nur noch einen Ausweg: Er musste die eigenen Truppen aus dem Krieg holen, ohne das Gesicht zu verlieren. Im Januar 1973 endlich lag das Abkommen vor: Es besiegelte eine sofortige Waffenruhe und den vollständige Truppenabzug der Amerikaner bis Ende März. Lediglich etwa tausend Militärberater verblieben im Land.

Doch die Kämpfe waren damit nicht beendet: Erst gut zwei Jahre später brachen nordvietnamesische Panzer durch das Gitterportal des Präsidentenpalastes in Saigon. Mit Hubschraubern flohen die letzten Amerikaner in der Nacht zum 30. April 1975 von einem Dach auf dem US-Botschaftsgelände. Schon ein Jahr später schien die schmachvolle Niederlage fast vergessen.

Erinnerungsstücke tragischer Helden

Zehn Jahre später kehrte das Thema ins Bewusstsein zurück, als US-Präsident Ronald Reagan versuchte, das Vietnam-Desaster in einen moralischen Sieg umzudeuten, und den Tod der mehr als 58.000 US-Soldaten als selbstloses Opfer im Kampf gegen die kommunistische Tyrannei interpretierte. TV-Serien und Veteranen-Memoiren ließen die Schrecken des Krieges wieder aufleben. Medien berichteten von verstörten Ex-Soldaten, die sich in den Bergen verschanzt hielten, von ehemaligen GIs, die alkohol- oder heroinabhängig nie in Alltag und Arbeit zurückgefunden hatten. Die aufblühende Erinnerungskultur verklärte sie zu tragischen Helden.

Und Zippos wurden zu einzigartigen Zeugnissen dieser Biografien. Schnell hatte sich auch in Vietnam herumgesprochen, dass es sich bei den alten US-Feuerzeugen um wertvolle und von Touristen begehrte Souvenirs handelte. Händler und Straßenverkäufer fahndeten danach, in Saigon entstand ein Markt für derlei Devotionalien.

Für die Vietnamesen war das Zippo dabei offenbar weit weniger ein bedeutungsschwerer Erinnerungsgegenstand als vielmehr eine reine Ware. Als die Nachfrage das Angebot überstieg, wurden die altbekannten Gravuren einfach in immer neue Feuerzeuge eingekratzt. Mittlerweile werden die Vietnam-Zippos auch im Internet gehandelt.

90 bis 95 Prozent der im Umlauf befindlichen Zippos, schätzt der Schweizer Sammler Rolf Gerster, seien gefälscht. Nachdem er selbst auf eine Imitation reingefallen war, spezialisierte er sich auf die Identifikation von Zippos. Mit etwas Glück, sagt Gerster, bestünden aber tatsächlich noch Chancen, Originale zu erwerben. Was ihn daran besonders fasziniert, sei aber weniger der Kauf an sich. „Das Spannendste ist die Recherche“, sagt Gerster, „den ursprünglichen Besitzer ausfindig zu machen.“

Den genauen Weg nachzuvollziehen, den ein Zippo von Vietnam aus genommen hat, ist nicht ganz einfach. Auch das Feuerzeug des Marines Dennis E. Ulstad war eines Tages im Internet angeboten worden. Das Zippo mit der Linus-mit-Kuscheldecke-Illustration landete bei Ebay. Ein Militariahändler hatte es eingestellt. Wie bei all seinen Neuerwerbungen hatte Gerster auch in diesem Fall auf Authentizität geachtet.

 

Ein Bericht aus Spiegel online